Killerkeime im Untergrund

Etwa 1000 Menschen starben 2010 bundesweit an multiresistenten Bakterien. Bei den berüchtigten MRSA-Keimen lässt sich die Verbreitung sogar regional nachvollziehen. Doch die Statistik hat tote Winkel.

Wer von Krankenhauskeimen befallen ist, hat nicht selten schwer mit den Bakterien zu kämpfen. Denn die Erreger mit den umständlichen Abkürzungen MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) oder ESBL (Extended–Spectrum Beta-Laktamase) lassen sich von vielen der gängigen Antibiotika nicht beeindrucken. Sie sind multiresistent. Und verursachten allein im Jahr 2010 bis zu 1000 Todesfälle und mehr als 12.000 zusätzliche Behandlungstage, wie eine Studie des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Berliner Charité ergab.

Wie verbreitet Infektionen mit MRSA-Keimen sind, soll die seit 2009 bestehende offizielle Meldepflicht zeigen. Auf der Webseite des Robert Koch-Instituts werden die gemeldeten Fälle zeitnah veröffentlicht – aufgeschlüsselt nach Geschlecht, Altersgruppe und dem Wohnort des Patienten. Insgesamt 4428 Infektionen mit MRSA-Erregern wurden demnach im vergangenen Jahr gezählt. Vergleicht man die Inzidenzen, also die Fälle je 100.000 Einwohner der Landkreise und kreisfreien Städte, bilden sich gut sichtbare regionale Muster auf der Karte:

   

Quellen: RKI: http://www3.rki.de/SurvStat (Stand: 17.01.2012), Bundesamt für Kartographie und Geodäsie, Frankfurt am Main, 2012

Während im Süden Deutschlands vergleichsweise wenige MRSA-Fälle registriert wurden, fallen Regionen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern mit überdurchschnittlich hohen Werten auf. Wobei die regionale Verteilung gerade im Nordosten nicht ganz eindeutig ist, da aufgrund der Kreisgebietsreform viele Fälle offenbar noch nicht zugeordnet werden konnten. Daher sind auf der Karte alle Kreise und Städte Mecklenburg-Vorpommerns nach dem landesweiten Durchschnitt eingefärbt.

Für Annette Jurke, Epidemiologin beim Landeszentrum Gesundheit in Nordrhein-Westfalen, stecken zwei Effekte hinter den relativ hohen Werten in ihrem Bundesland: "Einerseits gibt es offenbar tatsächlich Regionen in Deutschland, in denen mehr Menschen mit MRSA-Keimen infiziert sind. Zudem steht das Thema bei uns aber auch schon seit Jahren im Fokus, so dass sowohl Labore als auch Gesundheitsämter sensibilisiert sind und wir möglicherweise eine geringere Untererfassung haben als andere Bundesländer."

Ein Beispiel für dieses erhöhte Bewusstsein gegenüber multiresistenten Erregern ist der Landkreis Höxter. Im bundesweiten Regionalvergleich belegt der Kreis mit 20 gemeldeten MRSA-Fällen je 100.000 Einwohnern einen der vorderen Ränge. Allerdings werden neue Patienten in den Kliniken des Landkreises mittlerweile sogar standardmäßig auf diverse Keime getestet. Weil diese Tests noch nicht überall in gleichem Umfang gemacht werden, lassen sich die regionalen Häufigkeiten nur bedingt vergleichen. Hinzu kommen recht kleine Fallzahlen, zum Beispiel wurden in Höxter gerade einmal 29 Infektionen gezählt. Zufällige Schwankungen können in diesen Größenordnungen sehr viel ausmachen.

Die gravierendste Lücke der MRSA-Statistik aber liegt in ihrer Begrenzung auf eine einzige Erreger-Klasse: "Relevanter als die MRSA-Keime erscheinen uns gramnegative Bakterien, auch weil dafür weniger Reserve-Antibiotika zur Verfügung stehen", sagt Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Berliner Charité. Im Gegensatz zu MRSA haben gramnegative Bakterien eine besonders dünne Zellwand. Zu ihnen gehören die Erreger des Typs ESBL, die sich auch außerhalb der Krankenhäuser munter verbreiten: "Die meisten Klinikpatienten, bei denen multiresistente Keime festgestellt werden, haben diese mit ins Krankenhaus gebracht. Wir haben festgestellt, dass die Bevölkerung gerade mit ESBL-Keimen in erheblichem Ausmaß kolonisiert ist", sagt Gastmeier.

Wie viele Menschen die Keime bereits in sich tragen, ohne an ihnen zu erkranken, lässt sich für die Gesamtbevölkerung bislang nur schätzen. Per Meldepflicht registriert werden lediglich Patienten mit einem positiven Bluttest. "Die Meldedaten der Gesundheitsbehörden zeigen nur die Spitze des Eisbergs", sagt Annette Jurke. "Wer multiresistente Bakterien im Blut hat, der ist daran schon schwer krank geworden. Weitaus häufiger kommt es vor, dass Menschen Wundinfektionen mit diesen Keimen haben. Und noch häufiger, dass sie mit ihnen schlicht und einfach besiedelt sind."

Insofern täuschen die feinsäuberlich erfassten Fallzahlen der MRSA-Statistik über eine beunruhigende Tatsache hinweg: Zur Verbreitung der Krankenhauskeime in der Bevölkerung wissen wir noch immer sehr, sehr wenig.

von Christina Elmer

 

3 Kommentare zu “Killerkeime im Untergrund
  1. Sehr geehrte Christina Elmer,

    ich möchte einige Ihrer Aussagen kommentieren.
    1) Meldepflicht für MRSA besteht nur bei Nachweis in der Blutkultur, also einer MRSA-Sepsis und damit einem schweren Krankheitsbild. Eine generelle Meldepflicht gibt es nicht, so dass eine komplette Aussage zu MRSA aus den Meldedaten nicht getroffen werden kann. Neben der sicher bestehenden verstärkten Sensibilität in NRW (EUREGIO-Region) stehen hier wegen der Sepsis auch demographische Fragen sicher zur Diskussion.
    2) “Die gravierendste Lücke der MRSA-Statistik aber liegt in ihrer Begrenzung auf eine einzige Erreger-Klasse”. Im weiteren gehen Sie auf ESBL bei Gram-negativen Erregern ein. Sie erwecken den Eindruck, dass aus mikrobiologischer Sicht ein Zusammenhang zwischn MRSA und ESBL besteht. Aus einer statistischen Betrachtung der ESBL ergibt sich keine zusätzliche Infromation zu MRSA. Außer man bezieht demographische Betrachtung mit ein, wobei es dann aber eher um Morbidität und Mortalität geht. Dann wird man das Alter der betroffenen Patienten mit betrachten müssen, da septische Ereignisse im Alter zunehmen. Zu dem besteht für ESBL besteht ausser bei Häufungen in Krankenhäusern überhaupt keine Meldpflicht.
    3) Sie müsen in einem solchen Artikel auch erwähnen, dass das grundsätzliche Problem in der exessiven Nutzung von Antibiotika besonders auch im ambulanten Bereich besteht, die durchaus auch auf einer Erwartungshaltung der Patienten beruht. Ich gehe davon aus, das Frau Prof. Gastmeier sich in einem Gespräch mit Ihnen auch zu diesen Punkten geäußert hat.

    Mit freundlichen Grüßen Dr. Steffen Kunstmann

  2. Die multiresistenten Keime sind tatsächlich ein großes Problem, gerade auch in Deutschland. Ein Grund ist auch der häufig zu leichtisinnige Umgang mit Antibiotika. Man muss nicht wegen jeder kleinen Erkältung Antibiotika einnehmen. Und wenn man es nimmt, dann sollte man keinesfalls frühzeitig die Einnahme beenden, nur weil es einem schon wieder gut geht – so “züchtet” man sich die Resistenzen, denn wenn nur die widerstandsfähigenen Bakterien überleben, dann pflanzen sich auch nur diese fort – sprich es kommt zu einer “Reinzucht” der resistenten Bakterien.

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