„Vielleicht gibt es Fahnder, die Beratung brauchen“

CD_14_08_2012_dpa_stern.deAm Donnerstag wird vermutlich der deutsche Steuerdatendieb Lutz O. verurteilt. Er verkaufte Kundeninfos der Bank Julius Bär an deutsche Behörden. Für das Leben nach der Haft hat er bereits Pläne.

Jeden Tag wischt Lutz O. die Tische in der Strafvollzugsanstalt Zug in der Schweiz ab. Immer nach dem Essen. Dann nimmt er sich den Staubsauger und reinigt die Flure. Im Knast ist der Hausmeisterjob "das Zückerli", sagt der 54-jährige Deutsche. Er trägt einen etwas zu langen Bart, das graue Haar wellt sich im Nacken, da es im Knast keinen Friseur gebe. Die Augen hinter der metallumrandeten Brille sind klein und wach. Durch den Job habe man Zugang zu vielen Räumen, auch zu dem, in dem der Computer steht. Der Programmierer und Hobbygolfer aus Göttingen, der der Schweizer Bank Julius Bär ihr Heiligstes stahl, der ihr tausende Datensätze deutscher Kunden entwendete, schreibt dort an einem Roman. "Die Wärter wissen, dass sie mich da finden wenn meine Arbeit erledigt ist", sagt O. Er sei hier der "Outlaw", alle anderen Insassen würden wegen Drogendelikten und Einbrüchen sitzen.

Entspannt lehnt er sich im Besucherzimmer der Strafanstalt in einen schwarzen Sessel, verschränkt die Hände hinter dem Kopf und setzt die Turnschuhsohle auf den kleinen Beistelltisch aus Holz und Stahl. Durch das bodentiefe Fenster in den mausgrauen Wänden schaut O. in den Gefängnisgarten. Neben dem Teich und der Gartenlaube steht eine kleine Palme, akkurat angelegte Beete reichen bis an die meterhohe Betonmauer. Aber O. darf nicht hinaus, um beim Salatpflücken zu helfen. "Sie haben Angst, dass ich über die Mauer klettere", sagt er und schüttelt den Kopf. Immerhin, hier in Zug habe er nach sieben Monaten Haft zum ersten Mal wieder ein grünes Blatt gesehen.

Quelle: stern

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Am Donnerstag wird Lutz O. vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona im Gerichtssaal Pretorio der Prozess gemacht. Die Schweizer Bundesanwaltschaft wirft ihm wirtschaftlichen Nachrichtendienst, Geldwäsche, Verletzung des Geschäftsgeheimnisses und des Bankgeheimnisses vor. Auch die Bank Julius Bär ist als Privatklägerin dort vertreten. Lutz O. und seine Verteidiger haben sich bereits mit den Schweizern geeinigt. Das Urteil soll ebenfalls am Donnerstag verkündet werden, Ende des Jahres könnte er auf freiem Fuß sein.

Lutz O. will die Verhandlung morgen jedoch erst einmal nutzen, um eine Erklärung abzugeben. Seit seiner Verhaftung hat er sich zurückgehalten, dabei hätte er so viel zu erzählen. Über die Schweizer Politik, über Geldwäsche und Steuerhinterziehung, über die Sicherheitslücken bei der Bank. Solange er seine Strafe jedoch nicht vollständig verbüßt hat, wird er wohl keine taktischen Fehler begehen. Im kommenden Jahr könnte er sich aber gut vorstellen, einen Blog zu betreiben. Nicht um damit Geld zu verdienen. "Mir gefällt die Idee, öffentlich meine Meinung kundzutun. Vielleicht gibt es auch Steuerfahnder, die Beratung brauchen", sagt er und lacht.

Lutz O. hat viel Erfahrung im Finanzsektor. In den siebziger Jahren ließ er sich zum Verwaltungsangestellten ausbilden. Später lernte er programmieren und arbeitete für Banken, Versicherungen und Unternehmensberatungen. In den Neunzigern machte er ein Mobilfunkgeschäft in Göttingen auf, weil er sich immer auch "als Unternehmer" gesehen habe, "nicht nur als IT-Fuzzi". Irgendwann in dieser Zeit bekommt O. Schwierigkeiten mit dem Finanzamt. Er hat Steuerschulden, die im Jahr 2004 bis auf eine Million Euro anwachsen. Warum er so viel Geld nachzahlen muss, darüber spricht er nicht gern. Sein Steueranwalt Achim Doerfer ist der Meinung, Lutz O. "hat das Pech gehabt, in die Fänge überehrgeiziger Steuerfahnder zu gelangen". Die Schätzung sei "äußerst überzogen" gewesen. Lutz O. flieht in die Schweiz wo er mit seiner Frau ein neues Leben aufbaut. Doch die deutschen Behörden wird er nicht los, sie erhöhen den Druck und werden später sogar sein Haus durchsuchen lassen.

Betreff: hinundweg

Im September 2010 schickt ihn die IT-Firma, bei der er angestellt ist, zum Sitz der Bank Julius Bär nach Zürich. Er ist dort für interne Systeme zuständig, die Buchhaltung und Verwaltung der Bank steuern und hat so Zugriff auf die Kundendaten. Im Oktober 2011 beginnt er, sie sich per E-Mail nach Hause zu schicken. Als Fotos getarnt, hängt er in 15 E-Mails 70.000 bis 80.000 Datensätze an, viele mit dem Betreff "hinundweg". Lutz O. grinst, "es war kinderleicht". Er glaubt, dass die Bank E-Mails nur etwa drei Monate lang speichert und fühlt sich sicher. Im Sommer will er verschwinden, nach 30 Jahren in den IT-Abteilungen von Banken und Versicherungen hat er genug. Später wird er sagen, er habe nicht damit gerechnet, so schnell aufzufliegen.

Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits einen Plan ausgeheckt. Gemeinsam mit seinem Golffreund Edgar W. (Name von der Redaktion geändert) will er die Kundendaten deutscher Anleger, die mehr als 100.000 Euro bei der Bank bunkern, an die Finanzbehörden in NRW verkaufen. Edgar W. war 40 Jahre lang Finanzbeamter in Deutschland, 26 davon Steuerfahnder, inzwischen ist er im Ruhestand. Wie die beiden auf die Idee kamen, mit Bankdaten Geld zu verdienen, da hat jeder seine eigene Version. Auch wie viele brauchbare Daten sie verkauft haben und vor allem, wie viel Geld sie dafür bekamen, ist nicht klar. Bis zum Februar 2012 übergibt Edgar W. 2700 Datensätze an die Steuerfahndung Münster. Die Schweizer glauben, die Deutschen haben dafür 1,1 Million Euro bezahlt. Den größten Teil der Belohnung habe O. dazu verwendet, "eigene Steuerschulden in Deutschland zu begleichen". 220.000 Euro habe er Edgar W. überlassen. Der sagt, er habe kein Geld bekommen, sondern nur seine Pflicht als Steuerfahnder erfüllt. Die Schweizer ermitteln noch immer gegen W.

Ein Freund des Postgeheimnisses

Am 24. Juli 2012 nehmen Ermittler Lutz O. an seinem Arbeitsplatz bei der Bank in Zürich fest. Durch die Tiefgarage führen sie ihn ab und bringen ihn in ein Untersuchungsgefängnis. Am meisten habe er während der Haft seine Frau und das Golfen vermisst, sagt er nachdenklich und schaut aus dem Fenster. "Aber ich kann es nicht ändern." Auch dass sein Komplize in Deutschland in Freiheit lebt, beschäftigt ihn nicht. Er wartet viel mehr auf den Moment an dem er endlich öffentlich abrechnen kann. In der Schweiz will er nicht länger wohnen. "Eigentlich habe ich nur einen Hehler bestohlen, der Dieben geholfen hat, ihr Geld zu verstecken." Eine Sache habe er aber durchaus gelernt. Er wisse jetzt das Postgeheimnis viel mehr zu schätzen. Da könne man etwas auf ein Blatt Papier schreiben, verschicken und nach dem Lesen verbrennen. "Ich verschicke jedenfalls keine E-Mails mehr".

von: Nina Plonka

Fotos: dpa / stern

8 Kommentare zu “„Vielleicht gibt es Fahnder, die Beratung brauchen“
  1. Der Mann schadet dem Ansehen der Deutschen in der Schweiz. Ich als ausgewanderter Deutscher in der Schweiz finde, dass er durchaus eine höhere Strafe verdient gehabt hätte. Er hat das Vertrauen seines Gastlandes und seines Arbeitgebers massiv verletzt.

  2. Tja, der bestohlene Betrüger, die Frage ist ob man mit Straftaten andere Straftaten rechtfertigen kann und vielleicht ist dieses ja doch in der Grauzone in welcher die Banker meist agieren möglich.
    Gerade das weisse Hemd der Schweizer Banken hat in letzter einen leichten Flecken bekommen.
    Und da Europa der Schweiz und anderen Ländern in welche Steuerhinterzieher immer noch ihr Geld unterbringen und dann verteilen, nicht genug Feuer unter dem Allerwertesten macht, wird die Schweiz weiterhin Kapitalverbrechen im Sinne anderer Länder begehen ohne sich um die belange dieser Länder einen feuchten Kehricht zu kümmern.
    Man sollte als Europäer die Schweiz boykottieren und keine Schweizerprodukte mehr kaufen dann würde man mal sehen ob die Schweizer nicht den Deckmantel ihres Bank und
    damit Betrugssystem lüften können.

  3. wen interessiert es was ein einfacher, kleiner Dieb zur Schweizerischen Politik zu sagen hat? Der zudem noch ein Steuerflüchtiger ist. In Anbetracht dessen, dass er vor seinen Steuerschulden floh, ist die Strafe viel zu mild!
    Und er spricht nicht gerne darüber! Interessant! Wo ist der Unterschied zu denen die er verpfiffen hat?

  4. @Jörg
    nicht die Schweiz begeht die Verbrechen. Die Hinterzieher!
    Boykotte bringen ja bekanntlich soo viel! (siehe Kuba über Jahrzehnte, Iran, etc.)
    Die Schweiz orientiert sich längst nach Asien! Europa ist dank den überbordenden Sozial- und Schuldenstaaten längst verloren! Zudem wird in Asien nicht mit der (Doppel-)Moralkeule geschwungen!

  5. @Alpstein
    Ich glaube ein Staat der Beihilfe zu einer Straftat ermöglicht ist Mittäter und dementsprechend zu behandeln
    Was die Politiker in Europa nicht in den Griff bekommen da Sie zumeist selber genug Dreck am stecken und Geld in der Schweiz unterbringen. Ein gutes Beispiel hierfür ist
    der Franzose Cahuzac. Sollte man also die Möglichkeit der Hinterziehung von Geld in der Schweiz abschaffen können so sehe ich keine Problem darin das diejenigen die dreckiges Geld in der Schweiz anlegen damit auch die Schweiz beschmutzen.

  6. Gleiches mit gleichem aufzuwiegen – wie war das? sollte man das nicht tun?
    Aber vom logischen Prinzip her hat er zumindest Recht – die Frage ist, ob man so arbeiten kann und will und welche Auswirkungen sich daraus ergeben. Das ist dann wie in anderen Ländern, in denen Verbrechensopfer wählen können ob dem Täter das gleiche zugefügt werden soll…

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