Irrsinn? Oder doch Methode?

Michael Naumann irrt. Die Debatten um Brüderle, Steinbrück oder Wulff sind kein Beleg für „öffentlichen Irrsinn“.

Einen raumgreifenden „Relevanzverlust politischer Journalistik“, nicht weniger, prangerte er gestern in einem Beitrag in der FAZ an - der ehemalige SPD-Politiker und altgediente Journalist Michael Naumann. Neuerdings macht er das an den Vorwürfen gegen Rainer Brüderle und Peer Steinbrück fest. Vor gut einem Jahr hatte er sich bereits schützend vor den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff geworfen (ja, das verheißt nichts Gutes für Brüderle und Steinbrück).

Zur Erinnerung: Naumann empfand es damals als „anmaßend“ und als „Populismus“, Wulff zu kritisieren, weil der heimlich von einem Unternehmerfreund einen Kredit über eine halbe Million angenommen und dann Landesparlament und Öffentlichkeit in die Irre geführt hatte.

Nun zieht Naumann erneut gegen vermeintliche Tugendwächter in der Presse zu Felde, geißelt „die deutschen Medien“, die  „bisweilen einem großen, gefräßigen Tier“ ähnelten.

Einerseits ein Tier, aber dann geschmäcklerisch – so würde Politik von uns Journalisten zunehmend nur „als Theateraufführung verstanden, deren Schauspieler weniger an Sachkompetenz, sondern am eleganten Bühnenauftritt gemessen werden“. „Mediale Akteure“, so glaubt Naumann, reduzierten die „Komplexität des politischen Prozesses auf Psychogramme der Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft“.

So weit Naumann. Und gewiss, nicht alles an seiner Anklage ist völlig falsch. Im Fall des Karl-Theodor zu Guttenberg – da hat er recht - fielen viele in den Medien auf die Bühnenshow herein. Und natürlich – die Komplexität europäischer Entscheidungsprozesse, die einen Großteil der deutschen Politik dominieren, ist nicht leicht zu beschreiben.

Aber: Weder bei Wulff noch bei Brüderle oder Steinbrück ging es um reine Stilfragen, auch wenn Naumann uns das suggerieren möchte. Alle drei hatten in den Augen großer Teile des Publikums geschriebene oder ungeschriebene Regeln verletzt: Du sollst die Wahrheit sagen (Wulff). Du sollst Forderungen nach Transparenz nicht als Majestätsbeleidigung abtun (Steinbrück). Du sollst Frauen mit Respekt behandeln (Brüderle).

Naumann übersieht das, und er macht einen weiteren Fehler: Statt zu analysieren, klebt er am Lamento. Statt über den Tellerrand zu schauen, weidet er sich an einem vermeintlich typisch deutschen  Kulturverfall.

Hätte er über die Grenzen des Landes geschaut, wäre ihm aufgefallen, dass kürzlich etwa in Großbritannien dutzende Abgeordnete wegen des Missbrauchs von Parlamentsgeldern unter Beschuss gerieten - oder dass selbst ein Nicolas Sarkozy in Frankreich zu Beginn seiner Amtszeit als Präsident allein deshalb an den Pranger geriet, weil er Urlaub mit reichen Freunden machte.

Naumann hätte auch studieren können, was ein bekannter britischer Skandalforscher (ja, solche Leute gibt es) schon vor dreizehn Jahren schrieb. Er heißt John B. Thompson und der Einfachheit halber zitiere ich im Original:

„The social transformations of the postwar period have gradually weakened the ‚ideological politics’ of the traditional class-based parties, with their strongly opposed belief systems and their sharp contrasts between left and right, and have created the conditions for a growing emphasis on what I shall call the ‚politics of trust’.

Thompson fügt hinzu:

„Many people look increasingly to the credibility and trustworthiness of political leaders or aspiring leaders, to their characer (or lack of it), as a means of assuring their suitability or otherwise for office. And in these circumstances, scandal assumes a newly potent and self-reinforcing role as a ‚credibility test’.“

Dass diese Analyse auch auf das Deutschland von heute zutrifft, lässt sich nur sehr schwer bestreiten. Wenn die Polarisierung zwischen den politischen Lagern abnimmt, wird die Charakterfrage wichtiger. Wo sich Programme ähneln, werden die Psychogramme interessanter. Ist der Kandidat integer? Ist er lernfähig? Kann er sich für einen Fehler auch mal entschuldigen? Oder hinterlässt er willentlich den Eindruck, er sei auch bei kritikwürdigem Verhalten keine Erläuterung schuldig?

Rainer Brüderle meint, er schulde der Öffentlichkeit solch eine Erklärung nicht. Für viele seiner potentiellen Wähler ist diese Information sicher mindestens so wichtig wie Brüderles politisches Programm.

Und überhaupt: Was weiß man über die politischen Überzeugungen des FDP-Spitzenkandidaten? Dass er mal für und mal gegen Subventionen ist, je nachdem, ob es um Weinbauern oder Autofabriken geht?

Und das betrifft nicht nur ihn. Wer kann eigentlich mit Sicherheit sagen, was in einem oder in zwei Jahren die politischen Ziele von Angela Merkel sein werden? Vor drei Jahren gehörten dazu – unumstößlich - die Verteidigung von Wehrpflicht und Atomkraft. Peer Steinbrück wiederum verkündete noch auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im September 2008 im Brustton der Überzeugung, dass sich das europäische „Universalbankenmodell“ derzeit „gegenüber dem amerikanischen Trennbankenmodell als sehr überlegen erwiesen“ habe.

Heute, vier Jahre später und nicht mehr als Minister, erklärt er das ach so unterlegene Trennbankensystem und die Aufspaltung der Deutschen Bank zu einem Kernpunkt seines Programms. Hat er diese Positionsänderung um 180 Grad eigentlich jemals irgendwo erklärt? Im Rahmen der ihm von Naumann (und ja auch vielen Journalisten) zugeschriebenen „Sachkompetenz“?

Ein Twitterer spottete gestern über die Forderungen des SPD-Kandidaten nach zwei TV-Duellen mit Kanzlerin Merkel: „Ein TV-Duell ‚Steinbrück heute’ gegen ‚Steinbrück vor fünf Jahren’ fände ich ja viel interessanter. Endlich mal echte Gegenpositionen.“ Das war treffend, wenngleich er vergaß hinzuzufügen, dass für dessen Konkurrentin das selbe gilt.

Wobei Merkel den unbestreitbaren Vorsprung hat, dass viele Wähler sie bei aller politischen Wendigkeit für integer halten. Wogegen Old-School-Sozialdemokraten vom Schlage Naumanns einfach die Welt nicht mehr verstehen. „Die Medien“ würden der SPD nicht gerecht, klagt er – als hörte man dieses Klagelied nicht seit einigen Jahren in rhythmischer Regelmäßigkeit aus sozialdemokratischen Mündern. Als hätten es viele unter ihnen bis heute nicht verkraftet, dass die früher große Zahl bekennender SPD-Fans unter den Journalisten in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft ist. In Bonn kam es noch in den 90er Jahren vor, dass in manchen Hintergrundkreisen von Korrespondenten Beitrittsformulare für die SPD weitergereicht wurden. Gut, dass das vorbei ist.

Liebe Naumanns dieses Landes: Bitte endlich im 21. Jahrhundert ankommen.

 

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5 Kommentare zu “Irrsinn? Oder doch Methode?
  1. Geile Debatte !
    Emanzenzen fühlen sich Angegriffen und wir Männer sollen Reagieren.
    Verdummung pur !
    Keine Frau zieht sich aufreizend an um nicht dafür bewundert zu werden, das Kompliment wird erwartet und kommt es dann ist es Sexismus, letzendlich irrsinn in Reinform !!
    Gar keine Frage das es Grenzen gibt, aber wie stellen sich diese Emanzen denn bitte eine Anmache vor ?
    Ich würde es negieren noch eine Frau Anmachen zu Wollen, ich muss ja befürchten als Sexschwein darzustehen, das würde ich nicht wollen !
    In so fern eine echt geile Debatte, trägt echt zur paar Bindung bei !
    Willkommen im Land der Doofen, wir Verblöden und merken es nicht einmal !
    Die Antwort auf die Frage nach unserem Aussterben hat sich damit beantwortet, was will mann dann noch mehr, Handbetrieb und gut ist !
    Genau so sichert man den Bestand der Menscheut

  2. Brüderle behandelt Frauen mit Respekt.

    Die achso fehlerfreie Frau Himmelreich bleibt den Beweis der sexuellen Belästigung immer noch schuldig.

    Bei uns gilt die Unschuldsvermutung.

    Bei stern nicht.

  3. Lieber Herr Pfähler,
    die ganze Debatte läuft hier wieder mal am Thema vorbei.Es geht keinesfalls um irgendwelche Flirtverbote oder amerikanische Prüderie.Aber eine Frau, die man weiters nicht kennt, als erstes auf ihre Oberweite anzusprechen, das ist einfach schlechte Kinderstube.Eine Stilfrage, mehr nicht.

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