Der Tag, als Großbritannien die EU verließ

Der Tag, an dem Großbritannien die Europäische Union verließ, war grau und trüb. Die handelnden Personen saßen in einem großen Saal einer ehemaligen Brauerei um einen runden Tisch. Am Morgen hatte es noch so ausgeschaut, als sei die Union irgendwie zu retten. Der Niederländer Aart Jan de Geus, einst Arbeitsminister, hatte seinem britischen Kollegen Malcom Rifkind, einst Außen- und Verteidigungsminister, zugerufen „We love you!“, sekundiert von einer schwedischen Kollegin. Die Europäer umgarten die Briten, sie warben um sie wie um eine Braut. Sie lobhudelten. Sie waren bereit, Zugeständnisse zu machen.

Der Deutsche sagte: „Wir brauchen die britische Stimme in der ersten Reihe!“

Die Französin sagte: „Ein Brexit wäre ein Desaster für Großbritannien UND Europa.“

Der Italiener sagte: „Es wäre ein Fehler, alles zu überstürzen.“

Die Spanierin sagte: „Ein Tsunami wäre eine Kleinigkeit im Vergleich zum Brexit.“

Der Ire sagte: „Als die EU Griechenland rettete, hat sie auch britische Banken gerettet.“

Es war ein Planspiel des Think Tanks „Open Europe“. Allerdings ein extrem gut besetztes und ziemlich realistisches Planspiel mit zwei ehemaligen Premierministern, Enrico Letta aus Italien und dem Iren John Bruton, ehemaligen Ministern und dem deutschen CDU-Abgeordneten und früheren Staatssekretär Steffen Kampeter. Morgens spielte die Runde die britischen Forderungen an Brüssel durch. Nachmittags tat sie so, als habe das alles nichts genutzt – worst case-Szenario Brexit.

Die Briten sind dann mal weg.

Ein Gedankenspiel am runden Tisch. Was passiert, wenn Großbritannien die EU verlässt?

Ein Gedankenspiel am runden Tisch. Was passiert, wenn Großbritannien die EU verlässt?

Nun kann man in Großbritannien eigentlich jeden Tag das Gefühl bekommen, der Brexit habe sich bereits ereignet. Europa ist ein ferner Kontinent, den mehr als nur ein schmaler Streifen Wasser von der Insel trennt. Festland-Europäer wundern sich immer wieder über die britische Leidenschaftslosigkeit in puncto Europa. Hierzulande gilt die EU als eine von Kosten und Nutzen getriebene Zweckgemeinschaft. Zur Zeit vermitteln fast alle britischen Medien den Eindruck, dass die Kosten den Nutzen übersteigen. Das Lager der Euroskeptiker liegt in den Umfragen knapp vor denen, die in der EU bleiben wollen. Premier David Cameron wirbt wortreich und aus tiefer Überzeugung für den Verbleib, gestattet aber seinen EU-skeptischen Ministern im Kabinett, für den Austritt zu trommeln. Das ist zwar Demokratie, aber auch waghalsig. Ein Spiel mit dem Feuer.

Der Kampf gegen Vorurteile ist wie der Kampf gegen Windmühlen

Steffen Kampeter, der Deutsche, der Deutschland spielt, sagt in der Mittagspause, in Großbritannien werde zu viel über Empfinden und zu wenig über Inhalte geredet. Alle seien gefordert, mehr gegen populäre Vorurteile zu tun. Eines dieses Vorurteile ist die EU-Kommission. In den englischen Zeitungen firmiert sie als „Monster“. „Sie hat“, sagt Kampeter, „tatsächlich aber weniger Mitarbeiter als die Stadtverwaltung von London.“

Der Kampf gegen die Vorurteile ist wie ein Kampf gegen Windmühlen. Würde heute abgestimmt, wären die Briten vermutlich ehemalige EU-Bürger.

Und dann?

Dann: Brexit, Teil zwei des Gedankenspiels in der alten Brauerei. Britischer Konkursverwalter am Tisch nunmehr Lord Norman Lamont, eine gute Wahl. Im richtigen Leben ist der Lord ein bekennender Europagegner. Seine politische Blüte erlebte er unter Margaret Thatcher und John Major. Die übrigen Europäer rücken enger zusammen, Europa gegen Britannien, alle gegen einen. Der Ton wird ungemütlich und darüber auch klar, dass dies mehr ist als ein Planspiel. Die Politiker am Tisch sind keine Zocker und Spieler; sie sind durchaus und gut vertraut mit den Verhandlungspositionen ihrer jeweiligen Regierungen. Was sich entspinnt, geht also über intellektuelles Schattenboxen hinaus. Es ist eine Simulation im Zeitraffer. Europa zürnt und schäumt.

Kampeter eröffnet: „Ihr habt uns lange genug mit Euren Forderungen gequält.“ Und dass es nicht akzeptabel sei, sich jetzt noch die Rosinen herauszupicken.

Der Niederländer Aart Jan de Geus, sagt: „Es wie eine verlorene Liebe.“ Und dass die Entscheidung Konsequenzen haben werde.

Die Schwedin Ewa Björing, ehemals Handelsministerin, sagt: „Es ist wie eine Scheidung.“ Dass Scheidungen nicht gut seien. Und überhaupt, wer trage die Kosten für diese Scheidung?

Der frühere irische Premier John Bruton sagt: „Dies ist eine verheerende Entscheidung, selbst verursacht und politisch generiert.“ Und dass sein Land nunmehr so viele Banken wie möglich aus London abziehen werde.

Der Belgier Karel de Gucht, früher EU-Handelskommissar, ruft dem Lord zu: „Glauben Sie wirklich, dass London europäisches Finanzzentrum bleiben wird, wenn Sie erst mal weg sind?“ Und dass er das doch wohl selbst nicht glaubt.

Die Londoner City, das sagen alle, werde bluten.

Der Pole Leszek Balcerowicz, früher stellvertretender Regierungschef, fordert Härte, auf dass nicht noch andere auf die Idee kämen, dem britischen Beispiel zu folgen.

Und Enrico Letta, Italien, wundert sich, wie sich ein ehemaliges Weltreich nunmehr klammere an Vorbildern wie Norwegen, der Schweiz und Singapur.

Selten war Europa so vereint. Nie war Großbritannien derart isoliert. Und es gibt es keinen Gewinner.

Lord Norman Lamont sitzt am Kopfende des Tisches. Er wirkt klein und fast ein bisschen kleinlaut. Der Lord ist Prügelknabe. Er sagt, Großbritannien werde auch ohne die EU überleben. Die Zukunft werde nicht nicht von Politikern, sondern von den Menschen gemacht. Der geprügelte Lord klingt nicht besonders überzeugend. Die Stimmung nach einem Brexit, das wird klar, wäre toxisch.

Ana Palacio, Spaniens frühere Außenministerin, sagt gegen Ende, sie sei froh, dass dies alles nur ein Spiel und es nicht zu spät sei.

Sie hat Recht. Es war nur ein Spiel.

Noch.

13 Kommentare zu “Der Tag, als Großbritannien die EU verließ
  1. Lieber Herr Streck!
    Eigentlich wie immer genau meine Gedanken zu Papier gebracht.
    Ich habe letztes Jahr nach 14 Jahren UK, meine Permanent Residency beantragt (auch bekommen). Dachte nie, dass ich das mal fuer noetig halten wuerde. Mittlerweile, just in case…

    • Danke für Ihre freundliche Mail. Tja, und warten wir mal, was im Laufe des Jahres passiert. Mein ursprünglicher Optimismus jedenfalls, dass die Briten schon drin bleiben werden in der EU, dieser Optimismus schwindet langsam. Leider…Beste Grüße!

  2. Tja Michael,
    vielleicht ist es wirklich ein böses Spiel, was seit langem in der EU und der übrigen Welt stattfindet. Monopoly für die großen Jungs und Mädels, wobei die Bürger nur noch als Nummern in unzähligen Statistiken taugen, die dann prompt das politisch Gewünschte ausweisen? Menschen mit durchschnittlichen Einkommen werden reich gerechnet, die Arbeitslosigkeit ist gar nicht so schlimm und die EU ist ein Hort von Demokratie, Menschenrechten und Prosperität. Im Umgang mit Mitgliedsstaaten, die das Alles nicht mehr so ernst sehen, zeigt sich dann die Brüsseler Gemeinschaft zahnlos und scheinheilig. Lieber weiter Staubsaugerrichtlinien entwerfen und das hohe Gut der Reisefreiheit lobpreisen, was den Normalbürger vielleicht zweimal im Jahr erspart, seinen Pass zu zücken, wenn es ihm gelungen ist, trotz der EZB seinen Lebensabend finanziell auskömmlich zu gestalten.
    Wer sich so wenig bemüht, die Europäische Einigung in das tägliche Leben der Menschen zu bringen, muss sich nicht wundern, wenn solche Referenden zum entsprechenden Ergebnis führen.
    Wie heißt es so schön:“Doch hinterm Horizont geht’s weiter…“. Der Kundige weiss, man kommt immer irgendwann wieder dort an, wo man losgegangen ist.
    Lassen Sie mich Ihnen trotzdem einen optimistische Gruß senden und hoffen, dass sich die Brtitannier ihrer internationalen Gesinnung erinnern.
    Jörg Ramien
    P.S. Wissen Sie, ob diese Sendung im Internet abrufbar ist?

    • Lieber Jörg, Sie finden Zusammenschnitte des Planspiels auf der Seite von Open Europe. Nicht alles, aber doch die wichtigsten Statements. Beste Grüße aus London!

  3. Super! Dieser Europa-Wahn wird und muss ein Ende haben. Nicht, weil es keine guten Seiten und Effekte hat, sondern weil spätestens bei der Flüchtingsproblematik klar wurde, dass Europa nun man nicht eins ist! Kaum einer will helfen, die meisten drücken sich und machen die Grenzen dicht. Das Schengener-Abkommen ist quasi am Ende… Die positiven Effekte kommen nicht beim Volk an und werden auch nicht transparent dargestellt. Der Rechtsruck in Teilen von Europa tut sein übriges. Europa ist in der Wahrnehmung des einfachen Volkes in den verschiedenen Ländern etwas völlig anderes, als das der politischen Führung. Das sieht man in Frankreich, in Spanien, Griechenland… Müssen wir in Deutschland davor Angst haben? Ich denke nein. Die Mär von dem, „dann geht es uns aber schlechter“….und „oje,… der Export bricht ein“… Das sind alles Phrasen, die dem einfachen Volk nicht glaubhaft nahegebracht wird. Dem Volk, was es nicht besser weiß und darum nicht gefragt wird. Machen wir doch ein Volksentscheid, lassen wir doch das Volk darüber abstimmen. Einfache Ja/Nein Frage mit sicherlich extrem hoher Wahlbeteiligung. UK ist raus, das ist nur eine Frage der Zeit. Die Aussage, dass London bluten wird ist lachhaft, da auch hier völlig unklar ist, wie UK sich danach verhält. Es gibt durchaus Möglichkeiten, siehe Irland, ein Standort wie London interessant zu halten oder gar noch interessanter zu machen. Abseits davon, dass die EU am Ende ist, ist offensichtlich, wenn sich die EU auflöst oder zersplittert (wohin mit den ganzen Euro-Schulden?) haben wir den Status wie vor 1999. Für den einfachen Bürger ist das noch viel einfacher. Sein Bar-und Anlagevermögen wird in DM umgewandelt und aufgewertet, Haftung aus dem Volksvermögen für andere EU Staaten gibt es nicht mehr. Eurobonds kommen nicht in Frage. Leitzins wird steigen und nach oben angepasst, was die Verzinsung für das normale Volk steigert und somit bei der Masse etwas ankommt. Ob nun bei der schnöden Lebensversicherung, bei dem Bausparer oder bei einfacher Festgeldverzinsung.

    • Lieber Mike, da hat jeder seine eigene Ansicht. Ich respektiere Ihre, glaube aber, dass ein Europa der Eigeninteressen ein absoluter Rückschritt wäre. Kurzfristig mag das Vorteile haben, langfristig glaube ich das nicht. Europa und EU sind meines Erachtens mehr als pures Zahlenwerk. Beste Grüße!

  4. Ich bin Engländer, lebe in Deutschland, habe in Deutschland Europäische Betriebswirtschaft und später in England Europäisches Wirtschaftsrecht studiert und war ein begeisterter Europäer, aber in meinen Augen ist das „EU Experiment“ gescheitert und ich werde bei dem britischen Brexit Referendum „OUT“ wählen.

    Das Problem mit der EU ist, ständig ändern sich die „AGB’s“ und von dem einst von uns Engländern unterschriebenen Vertrag ist nicht mehr viel übrig. Genau wie in Deutschland hat sich Frau Merkel von einer demokratisch gewählten Bundeskanzlerin zu der diktatorischen „Führerin“ in der EU breit gemacht. Sie ist nicht von den Mitgliedern der EU zur EU Präsidentin gewählt worden, trotzdem bestimmt sie wo es lang geht, was gemacht wird und welche Konsequenzen folgen, sollten die EU Mitglieder nicht parieren.

    Es war „Füherin“ Merkel, die im letzten Jahr die armen der Welt eingeladen hat sich auf dem Weg nach Europa zu machen. Der Grundgedanke war sicher anfangs lobenswert Flüchtlinge aus Syrien und Irak zu nehmen, was aber folgte ist ein Desaster für ganz Europa und nicht nur für ein paar Jahre sondern für Generationen, da ca 90% von den neuen „Gästen“ Wirtschaftsflüchtlinge aus aller Welt sind.

    Aber Merkel hat Ihren Weckruf von den EU Mitgliedern bekommen, denn sie hat alle eingeladen ohne Ihre Minister, den Bundestag oder das Volk durch einem Referendum zu fragen. Sie hat wie ein Diktator bestimmt und will ihre „Gäste“ nun auf ganz Europa verteilen, nur dieses mal spielen die EU Mitglieder nicht mit !

    Es ist nicht nur die Einmischung der EU in jedem Teil unseres Lebens und Landes, es sind die „Wirtschaftsflüchtlinge“ die am Ende die „OUT“ Stimme in Großbritannien besiegeln werden. Natürlich wird die Übergangszeit schwer und unkalkulierbar, aber wir sind ein extrem starkes, robustes und innovatives Inselvolk und werden auch dieses Problem meistern ! Es geht auch ohne EU, ganz sicher !

    Und wenn das mit den Flüchtlingen im März wieder so richtig los geht und sich dieses mal DREI MILLIONEN nach Deutschland aufmachen, dann hat sich vielleicht das Thema EU schon bald von allein erledigt !!! Denkt an meine Worte !

    • @ Marc. D. Ich will gar nicht ihren Beitrag kommentieren, aber ich glaube Sie duerfen selbst als Brite nicht am Referendum teilnehmen, wenn Sie Ihren Erstwohnsitz im Ausland haben. Das wird hier in UK oefters in den Medien angesprochen, da viele Euro Expats naemlich gerne fuer den Verbleib in der Union stimmen wuerden und sich aergen, dass Sie nicht wohl nicht koennen werden.

    • @JGK
      Danke für Ihre Besorgnis um meine Wahlstimme, aber meine persönliche Konstellation lässt mich sehr wohl bei dem Brexit meine „OUT“ Stimme abgeben! Und auch wenn ich im Moment in Deutschland lebe, ist mein „Domizil“ weiterhin im United Kingdom, verstärkt durch meine Immobilien dort und die Häufigkeit meiner Anwesenheit dort.

      Und ich bin mir nicht sicher woher Sie wissen wollen was die Expats wählen wollen, denn gerade für Expats hat sich z.B. einiges am 18 August 2015 im Erbrecht geändert was für uns Briten die auf dem Festland der EU leben recht negative entwickelt hat, wenn man wir nicht handelt und sein Testament aktualisiert. Zu diesem Termin wurde das Europäische Erbrecht „vereinheitlicht“ nach dem Deutschen Modell, wonach es ein automatisches PFLICHTTEIL für Familienmitglieder gibt (gibt und gab es in den meisten EU Ländern) .

      Diese Art der Regelung hatten wir im United Kingdom noch NIE … wir können alles dem Briefträger hinterlassen und daran können dann nicht mal die eigenen Kinder was machen ! Diese Regelung ist besonders gut wenn man eine bestimmte Person ausschließen will oder muss, denn sie bekommt dann keinen Penny/Cent !

      Nach dem 18.08.2015 wurde uns daher geraten unsere Testamente zu aktualisieren bzw. neu zu schreiben. Es muss nun ein Zusatz ganz am Anfang des Testaments stehen „die Abwicklung soll ausschließ nach britischem Recht erfolgen“, damit werden also auch meine deutschen Immobilien unter britischem Recht abgewickelt und sind von jeglichem „Pflichtteilen“ ausgeschlossen.

  5. Irgendwie witzig: Griechenland bekommt Geld ohne Ende von der EU und soll nicht gehen, die Engländer zahlen mit ein, profitieren wirtschaftlich und wollen gehen. Und spätestens wenn die jüngsten EU Mitglieder, die Osteuropäer Flüchtlinge aufnehmen sollen, werden diese auch gehen. Wo sind die Werte für die die EU steht? Es geht tatsächlich nur ums Geld. Die Länder die austreten werden wirtschaftlich isoliert, die Länder die drinbleiben verkaufen weniger. Letzten Endes bleibt nichts anderes als ein großes Fragezeichen. Vielleicht bringt das die „Reinigungsfunktion“ für unser überdrehtes und nicht mehr nachvollziehbares Konstrukt das sich Wirtschaft nennt. Je genauer wir Planen desto wirkungsvoller werden wir vom Zufall überrascht…..

    • Ich will gar nicht ihren Beitrag kommentieren, aber ich glaube Sie duerfen selbst als Brite nicht am Referendum teilnehmen, wenn Sie Ihren Erstwohnsitz im Ausland haben. Das wird hier in UK oefters in den Medien angesprochen, da viele Euro Expats naemlich gerne fuer den Verbleib in der Union stimmen wuerden und sich aergern, dass Sie nicht wohl nicht koennen werden.

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