Ein großes Missverständnis

Josef_Wilfing

Im NSU-Prozess sitzt Beate Zschäpe zum ersten Mal einer Witwe gegenüber. Doch die fühlt sich von den Fragen des Richters bedrängt

“Was denken Sie denn, wie es einem geht? Können Sie es sich nicht vorstellen, wie das Leben ist, wenn der Mann ermordet wurde?”, ruft Pinar Kilic verzweifelt in den Gerichtssaal. Die rothaarige Frau im blauen Anzug hält sich am Zeugentisch vor sich fest. Sie versteht nicht, warum sie das alles hier noch einmal erzählen soll. Dass sie alles verloren hat, ihren Mann Habil, der am 29.8.2001 in München von Uwe Böhnhart und Uwe Mundlos ermordet wurde, ihr finanzielle Sicherheit, ihre Freunde, die Tochter den Platz in der Schule. Sie hat das alles doch schon so oft berichtet, wieder und wieder wurde sie von der Polizei vernommen.

Der Richter soll ihren Anwalt fragen, oder die Akten lesen, sagt sie. Hier jedenfalls, im Münchner Schwurgerichtssaal A101, will sie nicht noch einmal zum Opfer gemacht werden. Ihre Leidensgeschichte soll hier nicht erneut ausgebreitet werden, schon gar nicht ihre Krankengeschichte. Nicht vor der Öffentlichkeit über ihr auf der Pressetribüne. Und nicht vor Beate Zschäpe, die nur wenige Meter links gegenüber von ihr sitzt. Die erste Zeugenvernehmung einer Hinterbliebenen im NSU-Prozess ist ein schier unerträgliches Missverständnis. Der Vorsitzende Richter Götzl will den Geschichten der Opfer Raum geben, vielleicht auch um darzustellen, welche Folgen die Morde für die einzelnen Familien, aber auch für die Türken in Deutschland hatten – der Vorwurf der Anklage lautet schließlich Terrorismus.

Doch die Wunden der Pinar Kilic sind allzu deutlich, die Witwe des vierten NSU-Opfers fasst die Fragen des Richters sofort als Ausfragen auf. Pinar Kilic wurde augenscheinlich schlecht vorbereitet auf das, was sie hier erwartet. Ihr Anwalt setzt sich erst nach einer Stunde zu ihr nach vorn, auch ein Dolmetscher wird ihr erst am Ende der Vernehmung zur Verfügung gestellt.

“Professionelle Hinrichtung” eines “humorvollen Menschen”
Und so versucht Richter Götzl geduldig Kilic zu erläutern, welche Funktion ihre Zeugenaussage hat. “Das ist in unser Strafprozessordnung so”, sagt er technisch. Und einfühlsamer: “Es ist eine Gelegenheit, Ihren Mann auch zu schildern, wie er wirklich war, ich kenne ihn nicht, die anderen Verfahrensbeteiligten kennen ihn auch nicht.”

“Er war mir ein anständiger Mann”, sagt Pinar Kilic dann. Was war er für ein Mensch, was hat er gern gemacht? “Autofahren, Schwimmen, er war nicht politisch interessiert”, sagt Kilic. Auf konkrete Fragen kann sie antworten. Sie berichtet, wie sie gemeinsam den Laden in der Bad-Schachener Straße im Münchner Osten geführt haben. “Ein Familiengeschäft.” Habil Kilic hat zusätzlich noch auf dem Großmarkt gearbeitet, in Nachtschichten. Samstags ist er immer früh aufgestanden und hat den Laden aufgemacht, damit seine Frau länger schlafen konnte. Pinar Kilic war im Urlaub in der Türkei, als ihr Mann in genau diesem Geschäft erschossen wurde. Zwei Schüsse trafen ihn, mitten ins Gesicht. Josef Wilfing, der Leiter der Mordkommission, der am Morgen des 22. Verhandlungstages ebenfalls vernommen wurde, nannte die vierte NSU-Tat eine “professionelle Hinrichtung.” Pinar Kilic sagt: “Das Blutbad im Geschäft mussten wir ganz allein wegmachen.”

Den Gemüseladen gab sie nach dem Tod ihres Mannes auf, wie hätte sie dort weiterarbeiten können? Auch aus ihrer Wohnung zog sie aus, sie verlor Nachbarn und Freunde. “Wer will mit einer Mörderfamilie schon etwas zu tun haben?”, fragt sie. Die Polizei bekam Hinweise auf vermeintliche Verstrickungen in den Drogenhandel, ermittelte akribisch im Umfeld des Opfers. “Er hatte keine Kontakte zu Deutschen”, sagt der Polizeizeuge am Morgen, auf dem Großmarkt: “Das ist ja bekanntlich ein Drogenumschlagplatz.” Doch die Ermittlungen ergaben nichts. “Habil Kilic war ein kreuzbraver, humorvoller Mensch”, sagt auch der Polizist Josef Wilfing.

Zwei Radfahrer wurden als Zeugen gesucht – es waren die Mörder
Auch die beiden Fahrradfahrer haben sie gesucht, die zwei Nachbarinnen gesehen haben. Junge, schlanke Männer, die aussahen wie Kurierfahrer. Als Zeugen wurde nach ihnen gefahndet, sie hatten sich wenige Minuten nach dem Mord vom Tatort wegbewegt. Doch sie meldeten sich nicht. “Aus heutiger Sicht ist das verständlich”, sagt Wilfing dazu. Die Radfahrer, es waren Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpes Freunde.

Ob und was sie ihrer Freundin Zschäpe wohl berichtet haben, über ihre Tat? Oder wusste sie nur, was die Münchner Abendzeitung über den Mord an Habil Kilic berichtete? “Händler (38) in seinem Laden erschossen – Kinder geschockt” steht in der Überschrift des Berichts kurz nach der Tat. Beate Zschäpe hat ihn wohl eingeheftet in das Archiv der toten Türken, das der NSU über seine Taten führte. Die Ermittler fanden den Ordner in der ausgebrannten Wohnung in Zwickau. Diverse Zeitungsausrisse über die NSU-Morde und Bombenanschläge fanden sich darin, ordentlich abgeheftet und durchnummeriert. Das Schicksal der Familie Kilic, das war für Beate Zschäpe bisher möglicherweise nur eine Zahl: “4″.

Diese Ziffer hatte Mundlos auf den Artikel geschrieben, und Zschäpe hatte ihn zumindest in der Hand. Auf diesem Ausschnitt findet sich ihr Fingerabdruck, es ist einer der wenigen, die sie auf für die Anklage wichtigen Beweismitteln hinterlassen hat.

An diesem Tag sitzt ihr die Witwe von Nummer 4 gegenüber. Pinar Kilic spricht sie direkt an: “Was ist wichtiger, wie unser Schicksal war, oder dass diese Frau eine Strafe bekommt?”, fragt sie den Richter und blickt dabei nur auf die Angeklagte.

3 Kommentare zu “Ein großes Missverständnis
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