“Professionelle Hinrichtung”

Hinrichtung_rekonstruktion

Die Beweisaufnahme verläuft nicht mehr chronologisch – so ergibt sich aber auch ein Zeitraffer, der die zunehmende Routine der NSU-Mörder dokumentiert.

Der Vorsitzende Richter Götzl springt von Tatort zu Tatort. Wegen der anfänglichen Prozessverschiebung und der Tage andauernden Vernehmung von Carsten S. sind Zeugen ab- um- und neugeladen worden, die ursprüngliche, chronologische Terminierung im NSU-Prozess ist durcheinander geraten.

Manchmal sorgt das für Verwirrung, manchmal wirkt das aber auch wie ein Zeitraffer, der Entwicklungen verdeutlicht: Vergangene Woche hat ein Gerichtsmediziner das Obduktionsgutachten im ersten Mordfall Simsek vorgestellt, an diesem Mittwoch wurde die Obduktion des Habil Kilic eingeführt, der am 29.8.2001 in München erschossen wurde. Dazwischen haben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Abdurrahim Özüdoğru in Nürnberg erschossen und in Hamburg Süleyman Taşköprü. Allein durch die Rekonstruktion der Taten über die Obduktionsberichte der beiden Gerichtsmediziner wird klar: Die beiden Mörder sind immer routinierter, ruhiger und professioneller geworden.

Enver Simsek wurde mit sieben Schüssen aus zwei Waffen getötet, er lag noch zwei Tage im Koma, bis er starb. Das Tatvorgehen war nicht wirklich gezielt, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt feuerten wie wild geworden auf ihr bisher erstes bekanntes Mordopfer.

Schon zu Beginn der Beweisaufnahme im Fall Kilic vor drei Wochen jedoch, sprach der Ermittler Josef Wilfing von einer “professionellen Hinrichtung”. Der Gerichtsmediziner Professor Oliver Peschel veranschaulichte das heute mit seinem Gutachten: Zwei “Schädeldurchschüsse” konnte er bei dem Toten feststellen. Der erste, ein ”Gesichtsdurchschuss” in der linken Wangenregion, da stand Habil Kilic noch aufrecht in der Mitte seines Gemüseladens. Dieser Schuss war nicht tödlich.

Der zweite allerdings wurde ihm versetzt, als er sich in “knieender, hockender Körperhaltung” befand. Ob das Opfer in diese Position  gezwungen wurde, zum Beispiel durch Druck auf die Schulter, konnte Peschel nicht feststellen. Sicher ist jedoch: Dieser Schuss wäre “medizinisch nicht beherrschbar” gewesen, wie der Gutachter auf die Frage des Vorsitzenden antwortet. Der Schuss saß, Kilic hätte ihn nicht überleben können.

Mit Hilfe von kleinen Holzpuppen, wie sie sonst im Kunststudium benutzt werden, hat Peschel die Tat nachgestellt. Die Fotos wurden heute im Gerichtssaal an die Wand projiziert. Obwohl, oder gerade weil es sich um spielzeugartige Figuren handelt, ist die Szene so grausam. Die Tat war kalt, gezielt, erniedrigend. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren mittlerweile geübt.

1 Kommentar zu ““Professionelle Hinrichtung”
  1. Insgesammt tolles, informatives Blog, Hut ab!
    Aber wieso kann hier offenbar das Bild mit den Puppen aus der Verhandlung gezeigt werden – ich dachte, die ganzen Gerichtsakten/-unterlagen wären nicht zur Veröffentlichung frei?

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