Sein rechter, rechter Platz blieb frei

NSU Prozess - WohllebenMorgen geht der Prozess weiter. Doch eine Frage ist noch nicht geklärt: Wo war Jacqueline? Die Ehefrau des Angeklagten Wohllebens hat ihre ganz eigenen Verbindungen zum NSU.

Das Namensschild aus Plastik stand am ersten Prozesstag bereits auf dem Tisch: Frau Wohlleben. Jacqueline, Ralf Wohllebens Ehefrau wollte als Beistand in den Gerichtssaal kommen – doch der reservierte Platz ganz rechts auf der Anklagebank blieb leer.

Für Jacqueline Wohlleben stellt der Prozessauftakt eine “immense Belastung” dar, sagt die Verteidigerin Nicole Schneiders. Aufgrund des “massiven Medienaufkommens” habe man gemeinsam beschlossen, dass sie die ersten zwei Wochen nicht nach München kommt. Danach wolle sie ihren Mann aber unterstützen, betont die Anwältin.

Schließlich hatte sich Familie Wohlleben den zusätzlichen Platz auf der Anklagebank erst erstreiten müssen. Für Ehegatten, eingetragene Lebenspartner oder gesetzliche Vertreter besteht zwar der Rechtsanspruch, als Beistand an der Hauptverhandlung teilzunehmen, aber sie müssen vorher einen Antrag bei Gericht stellen. Das hatte Wohllebens Verteidigerin Nicole Schneiders wenige Tage vor dem ersten angesetzten Prozessbeginn getan – allerdings im Namen von Herrn Wohlleben. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl antwortete knapp: “Unzulässig”. Erst als Nicole Schneiders nachlegte, der Antrag sei “auch im Namen der Ehefrau” gestellt, wurde Jacqueline Wohlleben der Aufenthalt im Gerichtssaal genehmigt. Doch dann erschien sie nicht.

Dabei stand Jacqueline Wohlleben ihrem Mann vorher durchaus treu zur Seite. Die 32-Jährige ist Erzieherin und gelernte Speditionskauffrau, hat Volkskunde, neue Geschichte und Erziehungswissenschaften in Jena studiert. Das Paar hat zwei gemeinsame Töchter, seit 2005 sind sie verheiratet.

Nach Erkenntnissen des Thüringischen Landesamt für Verfassungsschutz wurde sie 2003 Schatzmeisterin des NPD-Kreisverbandes Jena. Der Kreisvorsitzende: ihr zukünftiger Ehemann. Während dieser die Linie der Partei auch als stellvertretender Landesvorsitzender entscheidend mitprägte, kümmerte sie sich um Gerichtskosten, Rechenschaftsberichte und mahnte die säumigen Mitglieder. Dieser NPD-Familienbetrieb führte zu Misstrauen: 2006 warf der enge Vertraute der Wohllebens, André K. – gegen den die Bundesanwaltschaft seit Januar ebenfalls als Beschuldigten im NSU-Komplex ermittelt – dem Ehepaar “Mauscheleien” bei der Kontoführung vor. Er vermutete die private Verwendung von Parteigeldern, weil Ralf Wohlleben gegenüber dem Kreisvorstand keine genauen Angaben über die finanziellen Überschüsse der Rechtsrock- und “Blood & Honour”-Veranstaltung “Fest der Völker” in Jena machen konnte. Im März 2010 legte Ralf Wohlleben seinen Posten nieder, im Oktober 2010 schied auch Jacqueline Wohlleben als Verfügungsberechtigte des NPD-Kontos aus.

Doch schon vor ihrem Engagement bei der NPD hatte Jacqueline Wohlleben ihren festen Platz in der rechten Szene Jenas: So soll sie ein Benefiz-Konzert im “Braunen Haus” organisiert und einen Bus angemietet haben, mit dem Jenaer Neonazis nach Berlin zu einer rechten Demo fuhren.

Ralf Wohlleben gilt als Fluchthelfer und Logistiker des NSU-Trios. In München ist er wegen Beihilfe zum Mord angeklagt, weil er die Tatwaffe Ceska 83 organisiert haben soll. Jacqueline und Ralf Wohlleben wurden wohl erst ein Paar, als Wohlleben den Kontakt zu Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos im Untergrund abgebrochen hatte. Doch ihr Bruder, David F., ebenfalls ein Neonazi, soll vor dem Untertauchen eine ganz enge Beziehung zu Beate Zschäpe gepflegt haben. Nach eigenen Angaben hatte er im Sommer 1997 mit ihr ein Verhältnis. Da wohnte er eigentlich schon in Nürnberg, dem Ort, in dem der NSU später drei Morde begehen sollte. Er war es auch, der BKA-Präsident Jörg Ziercke im November 2011 dazu animierte, vom Mord an Michèle Kiesewetter als “Beziehungstat” zu sprechen: David F. betrieb zwischen Ende 2005 und Januar 2007 den Gasthof “Zur Bergbahn” in Oberweißbach, dem thüringischen Heimatort der Polizistin.

Auch bei Jacqueline Wohlleben stolperten die Ermittler über eine Auffälligkeit: Mit ihrem Ex-Freund wohnte sie zwischen 1999 und 2001 in München: “In ca. 11 km Entfernung zum Tatort München, Bad-Schachener Str. 14, wo der türkische Lebensmittelhändler KILIC am 29.08.2001 ermordet wurde”, heißt es in einem BKA-Vermerk.

Im Juli 2011 planten die Wohllebens einen Familienurlaub auf Fehmarn: Eine Woche Reiterhof für ihre beiden Töchter. Genau zu dem Zeitpunkt, an dem sich auch Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos auf der Insel aufhielten. Doch die von den Wohllebens angefragte Ferienwohnung war nicht frei.

Es wäre ihr vorerst letzter gemeinsamer Urlaub gewesen: Am 29.11.2011 wurde Ralf Wohlleben festgenommen. Jacqueline Wohlleben verlor daraufhin ihren Job als Erzieherin in einem Jenaer Kindergarten, obwohl sie behauptete, sich von den Zielen der NPD distanziert zu haben.

Bei ihren Töchtern legte sie scheinbar trotzdem Wert auf eine gute deutsche Erziehung – oder das was sie dafür hielt: “Im Übrigen sagen wir schon unseren Kindern, dass das nicht ok heißt, sondern in Ordnung (iO)”, verbesserte sie einen Bekannten in einer Email.

Im Gefängnis durfte sich das Ehepaar Wohlleben in den ersten Monaten nur durch eine Trennscheibe sehen. Zuletzt wurde die Besuchszeit auf 90 Minuten alle zwei Wochen ausgedehnt. Im Gerichtssaal werden sie in Zukunft mehr Zeit miteinander verbringen können.

2 Kommentare zu “Sein rechter, rechter Platz blieb frei
  1. Wieso musste sie sich das Recht zur Teilnahme am Prozess “erstreiten”? Sie musste es einfach nur beantragen. Dass die Verteidigerin das im ersten Anlauf nicht auf die Reihe bekommen hat, ist peinlich, aber eigentlich auch ziemlich belanglos.

  2. Hmm o langsam weiss man gar nicht mehr was man über den Prozess denken soll, erst dauert es ewig ehe es losgehen kann wegen der Platzvergabe, dann die Schlagzeilen über das Kreuz im Gerichtssaal und nun noch das?
    Irgentwie läuft alles aus den Ruder jeder darf was aber eigentlich auch nicht und das eigentliche Thema Rutscht immer weiter nach hinten.

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