Weiterer Rohrbombenanschlag auf Konto des NSU?

NSU Prozess - Wohlleben

Carsten S. gibt in seiner Aussage Hinweise auf weitere NSU-Anschläge. Überraschend auch für die Bundesanwaltschaft, die nun ermittelt.

Der als Helfer der rechtsextremistischen NSU-Terrorgruppe angeklagte Carsten S. hat am Dienstag überraschend ausgesagt, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vor ihm mit einem weiteren, bisher unbekannten Bombenanschlag prahlten. Bei der Übergabe der Ceska 83 in einem Café in Chemnitz, hätten sie ihm erzählt, in Nürnberg eine „Taschenlampe hingestellt“ zu haben. Carsten S. berichtet weiter, er habe nicht weiter nachgefragt, weil Beate Zschäpe dann zu dem Gespräch hinzu kam. “Psst” – hätten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gesagt. Das hätte den Anschein gehabt, dass Beate Zschäpe von der brisanten Information nichts habe wissen dürfen. Vor dem Hintergrund seines Wissen über die “Rohrbombenwerkstatt”, in der die Rechtsterroristen vor ihrem Untertauchen mit Sprengstoff experimentiert hatten, habe Carsten S. das Geprahle am Abend gedanklich aber mit einem möglichen Bombenanschlag  zusammengebracht.

Die Aussage hat überraschende Parallelen zu einem bisher nicht mit dem NSU in Zusammenhang gebrachten Rohrbombenanschlag 1999 in Nürnberg: Tatsächlich explodierte dort eine Bombe in einer Gaststätte eines türkischen Betreibers. Wie die Nürnberger Nachrichten 1999 berichteten, fand die Putzhilfe des Betreibers beim Toilettenputzen am 23. Juni 1999 einen ca. 30 cm langen Gegenstand, der nach Angaben des Opfers wie eine „Taschenlampe“ aussah. Der 18-Jährige versuchte sie anzuknipsen – dann explodierte sie. Das Opfer erlitt Verbrennungen am Oberkörper, im Gesicht und an den Armen.

Wie die Nürnberger Nachrichten weiter berichteten, stellten die Sprengstoffexperten des LKA Bayern daraufhin fest, dass die Bombe „selbstgebastelt“ war und eine „geringe Sprengkraft“ hatte. Sie verhörten den Pächter, der die „Pilsbar“ in der Scheurlstraße erst zwei Monate vorher übernommen hatte: Sie fragten nach „Schutzgelderpressung.“ Hinweise auf einen „ausländerfeindlichen Hintergrund“ habe es nicht gegeben.

Die Bundesanwaltschaft wollte zunächst keine Stellungnahme abgeben und verwies auf eine spätere Pressekonferenz. Die erste bisher dem NSU zugerechnete Tat war der Sprengstoffanschlag auf ein iranisches Lebensmittelgeschäft in Köln im Januar 2001. Die Terrorzelle bekannte sich zu der Tat in ihrem Bekennervideo. Im Zuge der Ermittlungen nach der Selbstenttarnung des NSU im November 2011 hatten BKA und Bundesanwaltschaft diverse ungeklärte Altfälle, Morde und Sprengstoffanschläge im ganzen Bundesgebiet, die bisher keinem Täter zugeordnet werden konnten, auf einen Zusammenhang mit dem NSU geprüft – ob darunter die “Taschenlampe” aus Nürnberg war, konnte bisher nicht in Erfahrung gebracht werden.

In Nürnberg wurden drei der zehn Morde verübt, die die Bundesanwaltschaft dem Trio Nationalsozialistischer Untergrund zur Last legt. In der Stadt begann die Tötungsserie den Ermittlungen zufolge mit der Erschießung eines türkischen Blumenhändlers im September 2000.

Update 17:32 Uhr

Die Bundesanwaltschaft geht den Hinweisen auf einen möglichen weiteren NSU-Rohrbombenanschlag nach.  Bundesanwalt Herbert Diemer sagte bei einer Pressekonferenz im Anschluss an den heutigen Prozesstag in München, der Anschlag auf eine türkische Gaststätte 1999 in Nürnberg, über die stern.de berichtete, sei der Bundesanwaltschaft bisher nicht bekannt. Ob der Vorfall, bei dem eine Putzhilfe des Betreibers verletzt wurde, unter den sogenannten “Prüffällen” war, den bisher ungeklärten Morden, Raubüberfällen und Sprengstoffanschlägen, die im Zuge der NSU-Ermittlungen auf einen Zusammenhang mit der Terrorzelle abgeklärt worden waren, konnte zu diesem Zeitpunkt nicht festgestellt werden.

2 Kommentare zu “Weiterer Rohrbombenanschlag auf Konto des NSU?
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