Verknallt? Verliebt? Oder eine Affäre?

Zehn, elf Tage kenne ich seinen Namen, weiß wie er küsst und riecht. Ich habe nicht nur den Hut an Basti gesehen, sondern auch eine Mütze. Ich habe seine WG-Mitbewohner getroffen, und er saß schon an meinem Frühstückstisch. Er hat meine Jonglierkünste, die ich irgendwann im Teenageralter mal liegen lassen hatte, wieder geweckt und er hat mich aus meinem gut durchgeplanten Tagesablauf gerissen. Ich habe viel gelacht, geschmunzelt, gegrinst. Wir konnten die Finger und Münder nicht voneinander lassen.

Doch am vierten Tag stand die Frage im Raum: Was ist das hier? Er stellte sie laut. Mein Kopf hatte sie schon Stunden vorher formuliert. Ich sprach sie nicht aus. Weil ich keine Antwort drauf geben konnte, geben wollte.
Eine Freundin fragte mich an Tag fünf. Ich zuckte mit den Schultern.
Ein Leser fragte mich an Tag sieben. Ich blockte ab.

Warum will ich diesem Zustand einen Namen geben? Warum verlangt er nach einer Beschreibung? Warum wollen andere wissen, was es ist? Ich murmel die Zeilen von Erich Fried dutzendfach am Tag. "Es ist, was es ist, sagt die Liebe". Und versuche, mich selbst zu beschwichtigen. Damit, dass ich jetzt nicht wissen muss, was es ist. Dass man Menschen auch erstmal kennenlernen soll. Gefühle sich entwickeln oder versiegen. Nicht alles greifbar und erklärbar ist, was das Herz hüpfen lässt. In mir kämpft etwas. Vernunft gegen Tollkühnheit – "Er ist zu jung, in anderen Lebensumständen, passt nicht in dein Leben." "Heißa! Was für eine sensationelle Aufregung. So viel Spannung, Spaß und Spiel." Angst gegen Neugier – "Bin ich bereit für eine Beziehung? Tue ich mir weh? Verletzte ich ihn, wenn ich nur ein Abenteuer will?" "Das macht so Spaß. Ich will mehr. Was du mit ihm wohl alles noch erlebst?" Freiheitsdrang gegen Nähebedürfnis – "Ich will doch Single sein. Mich auf den Job konzentrieren. Mein neues Leben in der neuen Stadt in vollen Zügen genießen." "Es fühlt sich so gut an, wenn wir Hand in Hand durch den Park schlendern, wenn wir uns küssen, wenn wir nebeneinander liegen." Seit Tag vier Summe ich das Lied von Mia "Was es ist, fragt der Verstand. Ich freu mich auf mein Leben." Und sage ihm und mir, dass ich nicht weiß, was es ist, dass ich es genieße, dass es mich verwirrt, aber ich es weder stoppen noch beschleunigen will. Ich will es einfach laufen lassen. Aber wie schwer ist das bitte! Vor ein paar Tagen wollte meine Rationalität eingreifen. Sie redete mir ein, dass mich seine lyrischen SMSs nerven. Dass mich die Frage, ob er abends kurz vorbeikommen könne, einenge. "So fühlen sich also Männer, wenn die Frauen ständig schreiben", nörgelte meine innere Stimme. Ich erteilte ihr Redeverbot. Setzte mich über ihre Empfehlungen hinweg, fand sie zu gehässig. Denn das Herz hüpfte ja.

Die Frage nach dem "was" stand abermals im Raum. Ich konnte sie nicht beantworten. Wir verabschiedeten uns mit einem schüchternen Kuss. Am nächsten Tag kam keine Nachricht. Ich schrieb keine. Ich fuhr weg. Das war lange geplant. Die Zwangspause kam mir sehr gelegen. Abstand, Zeit für mich und zum Nachdenken. Und gleichzeitig sehnte ich mich. Nach seinen Worten, seinen Händen, seinem Lachen. Und fragte mich, was ich da fühle, was ich will, wann es aufhört und wer es stoppen kann.

Der räumliche Abstand hat nichts genutzt. Die Stille zwischen uns währte nicht lang. Er hatte den Abschied als Ende eines Rausches empfunden. Die Realität hatte ihn wieder. Ich war schockiert, denn ich wollte den Träumer nicht in die Wirklichkeit schubsen, und gleichzeitig seltsam ruhig. Ich spürte, dass er nicht verschwinden würde. Er ist immer noch da, nah auch auf die Distanz. Ich bin noch immer unsortiert und überfordert. Aber ich lass das jetzt so. Und beruhige mich mit Woody Allen: "Liebe ist die Antwort, aber bis es so weit ist, stellt der Sex ein paar gute Fragen."

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13 Kommentare zu “Verknallt? Verliebt? Oder eine Affäre?
  1. Hallo liebe Singlefau,
    ich bin schon lange Verfolger ihres Blogs.
    Mega interessant, toll geschrieben und oftmals ein Wechselspiel ob man es toll findet was sie da machen oder eben nicht.
    Zum aktuellen Beitrag hab ich jetzt doch mal ne Frage, wie sieht denn der Status quo aus? Für mich ist der Schluss ihres Beitrags nicht so eindeutig, wie er vielleicht sein soll?!

    liebe Grüße

    • Danke – ich finde es super, wenn ich Wechselspiele auslöse.
      Momentan steht alles im Raum, nichts geklärt. Ich sehe aber auch die Notwendigkeit noch nicht. Zehn Tage kennen ist ja nun nicht so lang. Es ist gut, es fühlt sich toll an und es ärgert mich, dass ich mir selbst diese Fragen stelle.
      Viele Grüße

  2. So ist das: Frau oder Mann hat sich verknallt. Das passiert jeden Tag und hat mal mehr oder auch mal weniger Folgen.
    Das ist nichts Schlimmes sondern der regelmäßge Begleiter unseres Gefühlslebens. Wenn es Euch passt, dann macht einfach so weiter, ansonsten macht Ihr an der Stelle eben auch Schluß.
    Mein Gott, wie oft habe ich das erlebt und überlebt.
    Fünf Hände reichen da nicht aus.
    Und ich bereue nichts, niente, nada, rien…
    Ganz liebe Grüße – der Wolf.

  3. Irgendwie erinnert es mich an das letzte Buch über Bridget Jones. Ein viel zu junger Kerl, eine erfahrene Frau… Nicht, dass der Altersunterschied hier so groß wäre, aber dennoch.

    Wer sich wann welche Fragen stellen sollte ist individuel. Wichtigste Frage ist wie er dich fühlen läst wenn er bei dir ist. Wenn du glücklich bist, dann solltest du dir das gönen.

  4. Laß das erst mal – sacken – . Und zwar mindestens 1 – 3 Monate bis du wieder klar denken kannst. Zum jetzigen Zeitpunkt kannst du nur geniessen. Und später kannst du den Burschen laufen lassen, er wird sich sowieso eine Jüngere suchen. Bin deswegen kein Schwarzseher !

  5. Liebe Singlefrau

    Es ist sehr spannend zu verfolgen wie sich das alles bei Ihnen entwickelt.

    Sie stellen sich Fragen die sich wahrscheinlich die meisten Menschen stellen würden. Und nein – sie müssen diese Fragen nicht beantworten. Zumindest nicht sofort…

    Sie genießen offensichtlich Ihre Freiheit. Das ist ihr gutes Recht und man kann Sie nur dazu beglückwünschen dass Sie selbst mit sich glücklich sisd. Das sind erschreckend wenige Menschen.

    Nach den Berichten in Ihrem Blog sind Sie mutmaßlich beruflich erfolgreich, können Entscheidungen aufgrund rationaler Aspekte sicher treffen und haben damit ein hohes Maß an Eigenständigkeit. Aber diese „Herz-Schmerz-Themen“ können Sie mit Ihren bewährten Problemlösetools nicht in den Griff bekommen. Vergessen Sie es… 😉

    Ich wiederhole mich – Sie müssen jetzt keine Entscheidung treffen, Sie müssen Ihrer Beziehungsform auch keinen Namen geben. Das sind sowieso nur gesellschaftlich konnotierte Schubladen. Aber lassen Sie mich Ihnen zwei Gedanken/Ratschläge mitgeben:

    1. Informieren Sie Ihren „Freund“ so früh als möglich über Ihren Blog. Allerspätestens wenn es auch nur den Anschein haben könnte dass sich daraus etwas festeres entwickeln könnte. Nicht, dass er sich zu einem späteren Zeitpunkt hintergangen fühlt.

    2. Geben Sie Ihren Gefühlen nach. Nicht mir logischen oder rationalen Argumenten („ich bin doch glücklich als Single“, “ er ist doch viel zu jung“) sondern hören Sie nur auf ihr Herz. Und geben Sie dem Mann mit Hut / Mütze eine Chance. Eine Chance Sie zu begeistern, Sie zu überraschen, ihr Leben zu bereichern. Lassen Sie sich fallen – und nicht nur in die Uunbekümmerthei und Unbeschwertheit einer Affäre. Sie verlieren viel – ein Stück Freiheit – aber sie können so viel mehr gewinnen.

    Ich selbst bin bereits in einem anderen Lebensabschnitt angekommen als Sie. Und glauben Sie mir: wenn ich Ihre Berichte lese würde ich manchmal gerne eine Sekunde tauschen. Aber nur eine einzige… und dann denke ich daran wie es sein wird wenn ich heute Abend wieder bei meiner Familie bin. Und dann kommen mir fast die Tränen vor Vorfreude. Und ich bin wahrscheinlich mindestens so rational wie Sie. Keine Sorge – ich will Ihnen nicht das „Idealbild“ Mutter-Vater-Kind ans Herz legen – auch wenn sich Ihre Eltern sicher freuen würden – aber geben Sie solchen Entwicklungen den notwendigen Raum.

    Ohne Ihnen einen Namen zu geben – aber auch ohne Angst vor Bindung und Sicherheit bei (etwas) weniger Freiheit.

    Herzliche Grüße
    Familienmann

    • Lieber Familienmann, vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Es ist immer schön aus anderen Perspektiven Anstöße zu bekommen – und zwar konstruktive bis wohlmeinende. Und dass ich mit meinen rationalen Problemlösetools an dieser Stelle nicht weiterkomme, merke ich gerade auch. Erfreut mich natürlich überhaupt nicht.
      Aber ich behalte Ihre Worte im Kopf – und im Herzen – „lassen Sie sich fallen“, “ geben Sie den Entwicklungen Raum“. Es fühlt sich gerade an als könne ich das nach sehr langer Zeit mal wieder wagen.
      Herzliche Grüße

  6. Verehrte Singlefrau,

    Sie befinden sich in einem (wunderschönen) Rausch. Genießen Sie ihn, solange er andauert, der Kater kommt noch früh genug. Dann haben Sie immer noch Zeit, nachzudenken und zu bewerten.
    Viel Spaß wünscht Ihnen
    Gerd

    PS: Der Altersunterschied ist ganz gewiss kein Problem in einer guten Beziehung. Das kann ich Ihnen versichern (eigene Erfahrung).

    • Der Mensch den ich mich immer liebe sagte mir mal „Ich genieße den Moment“.

      Meine Mutter sagte „wer 1x plant, plant 2x“.

      Meine Freunde sagen „es kommt immer anders wie man denkt“.

      So gesehen liebe Singlefrau, genießen Sie den Moment und hinterfragen sie am besten nicht.

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